Alles in allem: ganz ohne Schatten ist das Alles für mich nicht, wenn ich die Sinnlosigkeit bedenke, zu sitzen, zu schreiben, ein Tippfräulein inkommodieren zu müssen u. das herrliche Vaterland will das garnicht wissen. -- Gottfried Benn
Dienstag, 23. September 2008
Freitag, 19. September 2008
Total witzig
Berlusconi lacht gerne.
Berlusconi ist ein spontaner Mensch und spielt gerne Streiche.
So ist unser Präsident: Man liebt ihn, oder man hasst ihn. Doch eher als der Hass überwiegt bei all denjenigen, die ihn nicht zu schätzen wissen, eine profunde Scham.
Silentium war gestern
Aufgrund der drastisch sinkenden Besucherzahlen will die englische Society of Chief Librarians Essen, Trinken sowie Handygespräche in Bibliotheken erlauben. Das neue Bibliothekskonzept orientiere sich am Modell der Virgin-Musikgeschäfte, hieß es. Dort hielten sich die Menschen lange auf und fühlten sich wohl.
Gleichnisse
"ein Schriftsteller vergleiche einen bestimmten Novemberabend, von dem er erzählt, mit einem wollenen weichen Tuch; ein anderer Schriftsteller könnte ebensogut ein eigenartig weiches Wolltuch mit einem Novemberabend vergleichen. In allen solchen Fällen liegt der Reiz darin, daß ein schon etwas erschöpfter Gefühls- und Vorstellungsbereich dadurch aufgefrischt wird, daß ihm Teile eines neuen zugeführt werden. Das Tuch ist natürlich kein Novemberabend, diese Beruhigung hat man, aber es ist in der Wirkung mit ihm verwandt, und das ist eine angenehme kleine Mogelei. Nun, es liegt - eine gewisse Tragikomik in dieser menschlichen Neigung für Gleichnisse. Wenn die Spitzen der Brüste mit Taubenschnäbeln oder mit Korallen verglichen werden, kann man, streng genommen, nur sagen: Gott behüte uns davor, daß es wahr sei! Die Konsequenzen wären nicht auszudenken. Man gewinnt aus den menschlichen Gleichnissen eigentlich den Eindruck, daß der Mensch niemals dort recht aushalten kann, wo er sich gerade befindet. Er gibt das niemals zu; er umarmt das ernste Leben; aber er denkt dabei zuweilen an eine andere!
Es ist ein schönes, wenn auch ein wenig altmodisches Gleichnis, zu sagen: ihre Zähne waren wie Elfenbein. Setzen Sie statt dessen einen sachlich-nüchternen, aber richtig anderen Ausdruck, so heißt das - höchst unerwünscht -: sie besaß Elefantenzähne! Vorsichtiger, aber immerhin noch verfänglich: ihre Zähne besaßen die optischen Qualitäten von Elefantenzähnen, mit Ausnahme der Form. Ganz vorsichtig: ein ich weiß nicht was war gemeinsam. Ersichtlich ist das die übliche Tätigkeit des Gleichnisses: wir lösen das Erwünschte los und lassen das Unerwünschte zurück, ohne daß wir daran erinnert werden wollen, und wir lösen das Feste in das Gerüchtweise auf." -- Robert Musil
Sonntag, 14. September 2008
Ein "welthistorisches Untier" in Bonn
Bonn, Ende Dezember 1864
"Ich erwarte sehnlichst den ersten Brief, mit dem, wie ich hoffe, zugleich das Geld für das nächste Quartal ankommt. Das erste Quartal hat mir in summa 130 Tl. gekostet. Davon fällt nun freilich eine stattliche Portion für die nächsten Vierteljähre fort, da die Gelder für Immatrikulation, Kollegien usw. bedeutend sind. Aber Du siehst, liebe Mama, daß ich mich in Bonn noch mehr einschränken muß. Länger als ein Jahr kann ich es des Geldpunktes halber hier nicht aushalten. Ich bin entschlossen, nachher nach Halle zu gehen und dort zu dienen. Mach Dir nur ja keine Sorgen, ich muß durchkommen. Über Geldsachen schreibe ich nur an den Onkel Bernhard. Aber ich wollte Dir nach dem ersten Quartale doch Nachricht geben. Ich führe übrigens genaue Rechnungen. Der durchschnittliche Wechsel in Bonn ist 500-600. Das ist nun alles nicht sehr schön, nicht wahr?" -- Friedrich Nietzsche an Franziska und Elisabeth Nietzsche
*
Im Rückblick wird Nietzsche schreiben:
"Ich ging von Bonn weg wie ein Flüchtling. Als mich um Mitternacht Freund Mushacke an das Ufer des Rheins begleitete, wo wir auf das von Köln kommende Dampfschiff warteten, da war nichts von wehmütigen Empfindungen in mir, einen so schönen Ort und ein so blühendes Land verlassen zu müssen, abzuscheiden von einer Schar jugendlicher Genossen. Vielmehr waren es gerade die letzteren, die mich fortscheuchten. Ich will nachträglich den guten Leuten nicht noch ungerecht sein, wie ich es früher öfter war. Aber meine Natur fand unter ihnen kein Genüge; ich selbst war noch viel zu scheu in mich versteckt und hatte nicht die Kraft, unter dem dortigen Treiben eine Rolle zu spielen. Alles war mir aufgenötigt, und ich verstand nicht Herr zu sein über das, was mich umgab. In der ersten Zeit war mein Bemühen gewesen, mich in die Formen zu finden und das zu werden, was man einen flotten Studenten nennt. Da mir dies aber immer mehr mißlang, da der Hauch von Poesie, der auf allem diesen Treiben zu ruhen scheint, für mich verflogen war und die rohe philiströse Gesinnung mitten aus jenem Übermaß von Trinken, Lärmen und Schuldenmachen hervorsprang, da begann es leise in mir zu rumoren; immer lieber entzog ich mich jenen hohlen Vergnügungen, um stille Naturgenüsse oder gemeinsame Kunststudien aufzusuchen, immer fremder fühlte ich mich in diesen Kreisen, denen zu entgehen doch nicht möglich war. Dazu meldeten sich andauernde rheumatische Schmerzen, nicht minder drückte das Gefühl, nichts für die Wissenschaft und wenig fürs Leben, doch reichliche Schulden gewonnen zu haben. Das alles gab mir die Empfindung eines Flüchtlings, als ich in der feuchten regnerischen Nacht an Bord des Dampfschiffes stand und die wenigen Lichter langsam verschwinden sah, die Bonn am Ufer bezeichneten."
Die sieben Berge
Von oben nach unten: Himmel, Rhein.
Von links nach rechts: Vollmond, Siebengebirge, Autobahnbrücke, Langer Eugen, Post Tower.
Das Siebengebirge soll, von Bonn aus betrachtet, einer liegenden Frau ähneln. Um diese zu erkennen, benötigte man einen ersten Anhaltspunkt, zum Beispiel den Kopf, von dem aus sich dann der restliche Körper bestimmen ließe. Ich erkenne aber, so sehr ich mich jedes Mal bemühe, beim besten Willen nur eine Frau, die sehr aus der Form geraten ist.
Samstag, 13. September 2008
Allegro con Bier
Als "allegro" bezeichnet die italienische Tageszeitung La Repubblica den "Stil" des deutschen Außenministers und Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier - jedenfalls "più allegro" als derjenige der Bundeskanzlerin ("Stil"?).
Hier eins der ausschlaggebenden Bilder:
http://www.repubblica.it/2006/05/gallerie/esteri/ministro-esteri/5.html
http://www.repubblica.it/2006/05/gallerie/esteri/ministro-esteri/5.html
Donnerstag, 11. September 2008
Was ich kann
Aktenstöße nachts verschlingen,
Schwatzen nach der Welt Gebrauch
Und das große Tretrad schwingen
Wie ein Ochs, das kann ich auch.
Aber glauben, daß der Plunder
Eben nicht der Plunder wär',
Sondern ein hochwichtig Wunder,
Das gelang mir nimmermehr. -- Joseph von Eichendorff
Das gelang mir nimmermehr. -- Joseph von Eichendorff
Dienstag, 9. September 2008
HSV Hamburg
"Der schlafende Riese kann in dieser Saison erwachen", Günther Netzer über den Hamburger SV dixit. Ewig ruhen können dagegen die Fans auf dem heute eingeweihten HSV-Friedhof in Altona. Architektonisch dezent anzitierte Tribunenränge bringen Grabfeld und Spielfeld noch näher - das Tolle am HSV-Friedhof ist nämlich seine unmittelbare Nähe zur HSH Nordbank Arena. Die Lage ist also besser als in Buenos Aires, wo die Boca Juniors Fans, ebenfalls bis ins Jenseits treu, an einer eigenen Ruhestätte verbuddelt werden können.
Amen.
Montag, 8. September 2008
La fabbrica dei tedeschi
Coming up:
Die Fabrik der Deutschen.
Der Dokumentarfilm war heute in Venedig an der Reihe. Umstritten. Vielleicht einfach schlecht.
Der reale Plot: Am 6. Dezember 2007 sterben bei einem Brand in einem Thyssen-Krupp-Werk in Turin sieben Fabrikarbeiter.
Die Fabrik der Deutschen.
Der Dokumentarfilm war heute in Venedig an der Reihe. Umstritten. Vielleicht einfach schlecht.
Der reale Plot: Am 6. Dezember 2007 sterben bei einem Brand in einem Thyssen-Krupp-Werk in Turin sieben Fabrikarbeiter.
Sonntag, 7. September 2008
Ein reiner Hebel
Verehrte Flüchtlinge, Migranten, Asylanten, Staatslose und sans papiers, liebe Einbürgerungswillige:
Wozu die Antwort auf 310 Fragen auswendig lernen und dann mit Ach und Krach 17 Richtige ankreuzen? Nur wer Bierflaschen mit dem Feuerzeug öffnen kann, ist in Deutschland wirklich angekommen. Die deutsche Staatsbürgerschaft liegt hiermit in Euren Händen!
Laßt Euch allerdings nicht täuschen: Dieser Einbürgerungstest gilt dem gemeinen Deutschen als vereinfacht, ist aber verdammt hart.
Einbürgerungstest
Coming up:
Exklusives Bildmaterial dokumentiert, wie mir gestern das Bierflaschenöffnen mit Feuerzeug gleich zwei Mal gelungen ist.
Ein reiner Hebel!
Exklusives Bildmaterial dokumentiert, wie mir gestern das Bierflaschenöffnen mit Feuerzeug gleich zwei Mal gelungen ist.
Ein reiner Hebel!
Die Holzleiter
Ein Hotel, das ich verlasse. Eine Tagung oder ein Familientreffen ist zu Ende gegangen.
Dann fahre ich mit dem Bus weiter, ich bin vorzeitig an der Stelle, von der der Bus abfährt. Der Bus fährt los, ich sitze ganz vorne und schaue hinaus. Alles passt. Plötzlich merke ich, dass ich mein Gepäck vergessen habe, ich habe mein Gepäck nicht dabei, ich habe ihn nicht in den Bus geladen. Ziemliche Panik. Wie konnte das geschehen. Was kann ich machen. Ich kann es vielleicht nachschicken lassen. Ich kann versuchen, den Fahrer dazu zu bringen – wir sind gerade losgefahren –, kurz anzuhalten, und ich würde dann schnell mein Gepäck holen. Im Gespräch mit dem Fahrer wird klar, dass dies nicht möglich ist. Ich lege dabei mein polizeiliches Führungszeugnis vor, der Fahrer macht micht auf die vielen Einträge aufmerksam. Es kann nicht sein, es ist nicht mein polizeiliches Führungszeugnis, ich habe nämlich keinen einzigen Eintrag. Der Fahrer sagt: die Brasilianerinnen. Möglicherweise verwechselt er mich, jedenfalls handelt es sich um ein Missverständnis.
Dann fahre ich mit dem Bus weiter, ich bin vorzeitig an der Stelle, von der der Bus abfährt. Der Bus fährt los, ich sitze ganz vorne und schaue hinaus. Alles passt. Plötzlich merke ich, dass ich mein Gepäck vergessen habe, ich habe mein Gepäck nicht dabei, ich habe ihn nicht in den Bus geladen. Ziemliche Panik. Wie konnte das geschehen. Was kann ich machen. Ich kann es vielleicht nachschicken lassen. Ich kann versuchen, den Fahrer dazu zu bringen – wir sind gerade losgefahren –, kurz anzuhalten, und ich würde dann schnell mein Gepäck holen. Im Gespräch mit dem Fahrer wird klar, dass dies nicht möglich ist. Ich lege dabei mein polizeiliches Führungszeugnis vor, der Fahrer macht micht auf die vielen Einträge aufmerksam. Es kann nicht sein, es ist nicht mein polizeiliches Führungszeugnis, ich habe nämlich keinen einzigen Eintrag. Der Fahrer sagt: die Brasilianerinnen. Möglicherweise verwechselt er mich, jedenfalls handelt es sich um ein Missverständnis.
Ich sehe, dass zwei Reihen hinter mir Prof. Stolzenberg sitzt. Er unterhält sich in einem freundlichen und ruhigen Ton mit anderen Reisenden. Die Landschaft, die an den Fenstern vorbeizieht, mutet osteuropäisch an – es könnte Russland sein, wenn die Flächen größer und weiter wären.
Stolzenberg kennt die Gegend und mag sie, hat schon öfters hier Urlaub gemacht. Er erklärt, dass der Rhein – aber es ist ein anderer Rhein, der Rheinsee? – sich hier regelmäßig zurückzieht. Ich sehe Menschen (viele von ihnen tragen Sandalen mit Socken) auf einen Boden gehen, der wie dunkler Watt aussieht. Die Sohlen müssen an dem nassen, klebrigen Boden haften bleiben, doch die Menschen bewegen sich nicht schwerfällig, sie scheinen ganz normal zu gehen. Ich höre Stolzenbergs Erläuterungen zu, ich weiß nicht, ob er mich erkannt hat, ich will mich aber nicht zu erkennen geben. Er sei schon in dem Rheinsee geschwommen, man könne bis zu einem bestimmten Zielpunkt (einer Kneipe?) schwimmen. Es sei sehr schön, das Wasser. Das Wasser, das jetzt gerade nicht da ist und den Erdboden freigibt.
Allerdings taucht auf einmal eine kleine Stadt auf, und ich gehe durch die Straßen, zusammen mit anderen aus der Reisegruppe. Es gibt darunter ein junges Paar, ein Mann und eine Frau, das eine Wohnung in dieser Stadt sucht. Sie versuchen, durch die Fenster der Häuser zu sehen, ob irgendwo eine Wohnung leer steht. Sie finden in der Tat eine leere Wohnung, dort steht nämlich nur eine Holzleiter: Sie muss den Malern gehören, die zum Tünchen der Wände bestellt worden sind.
Dann spüre ich, wie ich eine Hand in meiner Hand halte, und schließe daraus, dass ich mit meinem Mann unterwegs bin und dass wir vielleicht die Wohnungssuchenden sind.
Samstag, 6. September 2008
Vodka: voll laufen
Athletissima 2008:
Der Russe Ivan Ukhov ist total betrunken (Liebeskummer), will aber trotzdem unbedingt dabei sein.
Es dauert ein Weilchen, bis er endlich springt. Aber seine Körpersprache spricht von Anfang an Bände.
Donnerstag, 4. September 2008
Der Rhein

An dem gegenüberliegenden Ufer nahm ich in Bonn meinen Anfang, und an diesem habe ich mein Ende gefunden. Seitdem komme ich immer wieder zum Rhein: Er zeigt sinnvolle Bewegung inmitten der Lähmung einer unbedeutenden Stadt.
Matt und glänzend changiert die hellgraue Fläche, gekräuselt vom Wind. Starker Wind weht heute von Südwest. Ich denke an Südwest aus der Sicht der Römer, als den Norden. In der Eifel haben die Römer lange Zeit aus den Quellen geschöpft.
Ich rechne all die Stunden hoch, die ich an diesem Fluss verbracht habe. Wie oft ich ihn über welche Brücke überquert. Ich sehe die Loreley, den Rheinfall in den Bodensee. Dort, wo der Rhein in die See mündet, bin ich nie gewesen. Rotterdam?
Der richtige Fluss wird befahren. Vaaren, sagt der Holländer nur für die Schiffe, alles andere ist bloß rijden.
Der richtige Fluss fließt entweder von Süden nach Norden oder von Westen nach Osten. Andere Richtungen scheinen mir unnatürlich.
Matt und glänzend changiert die hellgraue Fläche, gekräuselt vom Wind. Starker Wind weht heute von Südwest. Ich denke an Südwest aus der Sicht der Römer, als den Norden. In der Eifel haben die Römer lange Zeit aus den Quellen geschöpft.
Ich rechne all die Stunden hoch, die ich an diesem Fluss verbracht habe. Wie oft ich ihn über welche Brücke überquert. Ich sehe die Loreley, den Rheinfall in den Bodensee. Dort, wo der Rhein in die See mündet, bin ich nie gewesen. Rotterdam?
Der richtige Fluss wird befahren. Vaaren, sagt der Holländer nur für die Schiffe, alles andere ist bloß rijden.
Der richtige Fluss fließt entweder von Süden nach Norden oder von Westen nach Osten. Andere Richtungen scheinen mir unnatürlich.
Der scheinet aber fast
Rückwärts zu gehen und
Ich mein, er müsse kommen
Von Osten.
Vieles wäre
Zu sagen davon.
…
Was aber jener tuet, der Strom,
weiß niemand. -- Friedrich Hölderlin
Buckel

Der Geist macht nicht buckelig, das fehlte gerade noch; aber der Buckel macht geistreich, es ist ein allgemeiner Erfahrungssatz. Äsop, Moses Mendelssohn, Schleiermacher, Lichtenberg, Richard III., unzählige bedeutende Männer waren buckelig; auch der berühmte Diplomat Talleyrand soll es gewesen sein, jedenfalls war er lahm. -- Rudolf Kleinpaul
Unübertroffen der beste Buckel bleibt der oben Abgebildete.
(Ja, auch wenn der Buckel gar nicht zu sehen ist).
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