Freitag, 17. Oktober 2008

Eine Tüte Hegel

"Ich wollte darlegen, was für mich als französischen Autor in Ihrer Literatur das Fruchtbarste, Förderlichste gewesen ist. Sie hätten von mir gehört, welche Rolle Goethe, Fichte, Schopenhauer in Frankreich und besonders für mich gespielt haben. Auch hätte ich die Gelegenheit ergriffen, von dem neuen intensiven Interesse, das deutsche Dinge jetzt bei uns finden, mit Ihnen zu reden. Ich darf, wenn ich den heutigen französischen Literaten gegen den der vorigen Generationen halte, das eine sagen: Er ist wißbegieriger geworden; sein Blickfeld ist im Begriff, sich über die kulturellen und sprachlichen Grenzen der Heimat hinaus zu weiten. Vergleichen Sie mit dieser Haltung das Wort von Barrès: 'Sprachen lernen! Wozu? Um dieselbe Dummheit auf drei oder vier verschiedene Arten zu sagen?' Bemerken Sie das Erstaunliche dieser Wendung? Barrès denkt nur ans Reden; das Lesen einer fremden Sprache, das Eingehen in eine fremde Literatur zählen für ihn nicht. War es bei Barrès ein vorwiegend nationales Genügen, so war es um die gleiche Zeit bei Mallarmé ein Genügen an der geistigen Innenwelt, das jeden Blick ins Draußen, Reiselust und Sprachenkunde zu etwas Seltenem machte. Führte nicht vielleicht die Philosophie des deutschen Idealismus ihre französischen Jünger zu dieser Haltung?"
Und Gide erzählt die reizende Anekdote, wie die Hegelsche Lehre durch Villiers de l'Isle-Adam in den Kreis um Mallarmé Eingang gefunden habe. Villiers nämlich kaufte als junger Mann eines Tages an einer Straßenecke eine Düte heißer Kartoffeln; die Düte aber war ein Bogen aus einer Übersetzung von Hegels Ästhetik. -- W. Benjamin

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