Samstag, 27. Dezember 2008

Wenn die Börse zum Sackerl schrumpft

Der italienische Aktien-Index Mibtel ist im letzten Jahr um 49,6% gefallen und liegt ziemlich genau dort, wo er vor zehn Jahren war - lese ich heute in der Zeitung. Der Weihnachtskonsum ist um rund 20% eingebrochen (gut verkaufen sich nur noch High-Tech und Luxusartikel), und die Superreichen sind nur noch sehr reich. Denn 2007 haben die betroffenen Dynastien durchschnittlich etwa die Hälfte ihres Vermögens eingebüßt. Platz 1 macht immer noch Fam. Rocca, die von Tenaris, mit 5284 Millionen Euro. Berlusconi bleibt weiterhin auf Platz 5. Und hier die ganze Top Twelve.
Der Zeitung entnehme ich außerdem, dass es den französisch-polnischen Börsenfuchs Romain Zaleski (2007 Platz 2, nun Platz 4) am heftigsten getroffen hat: Die Banken mussten "ein Rettungsnetz ausbreiten", um Zaleskis Juwelchen Carlo Tassara zu retten. Dicke schwarze Zahlen schreibt dagegen die umweltfreundliche Fam. Landi, die solche Dinger herstellt.
Wer aber investiert von allen das meiste Geld an der Piazza Affari? Genau, der Staat. Beteiligt an Eni, Enel, Finmeccanica und manches mehr, das kann man hier nachsehen. Alitalia nicht zu vergessen.
Insgesamt geht es uns jedoch hier in Mailand gut: Zum einen haben wir jetzt die Beckhams - wenn sie am Wochenende shoppen gehen, dann geben sie schnell 100.000 Euro aus -, zum anderen haben wir einen großartigen Erzbischof, Dionigi Kardinal Tettamanzi, der nun angekündigt hat, 1 Million Euro an Arbeitslose verteilen zu wollen. Wohlgemerkt, 1 Million Euro aus dem berühmt-berüchtigten 8 Promille, der von den meisten Italienern bei der Steuererklärung der katholischen Kirche gespendet wird, zudem aus Weihnachtsspenden und aus "persönlichem Verzicht" seiner selbst wie seiner Diözese (die ambrosianische Diözese ist angeblich das größte Bistum der Welt). Das mag nicht so toll klingen, wie es eigentlich ist. Aber denken wir bitte an die alte Ratze und an den durchschnittlichen italienischen Erzbischof, so dürfen wir für Tettamanzi sehr dankbar sein.
Amen. Ich muss jetzt los.

Freitag, 26. Dezember 2008

Gratulationsblog zum 23.12.08

"Die Zeit" hat auf ihrer Website einen Gratulationsblog für Altkanzler und Ex-Werbeträger Helmut Schmidt eingerichtet. Fleißig und voller Hochachtung schreiben die Deutschen rein. Hier die vermutlich holprigsten Zeilen.

Lieber Helmut Schmidt,

zum 90. Geburtstag gratulieren wir mit.

Mit der Musik von Mozart bis Bach,

auch am Klavier machte Ihnen Keiner was nach.

Sie sind der beste und glaubwürdigste Politiker aller Zeiten,

unsere besten Wünsche sie weiterhin begleiten.

Bei Ihnen stand das Wohl des Bürgers an erster Stelle,

sie entschieden mit Rückrat, Ehrlichkeit und Mut auf alle Fälle.

Sie haben uns mal wieder so ein tolles Buch gegeben,

mögen sie noch viele schöne Jahre mit Loki erleben.

-- Was bleibt dem noch hinzuzufügen. Herzlichen Glückwunsch.

Sonntag, 21. Dezember 2008

Dem masochistischen Klischee vorauseilend

Es ist weit über Mitternacht, als die Klingel der Herrin zum letzten Male tönt.
- Feuer! - befiehlt sie kurz, und wie es im Kamine prasselt, - Tee! -
Als ich mit dem Samowar zurückkehre, hat sie sich bereits entkleidet und schlüpft eben mit Hilfe der Negerin in ihr weißes Negligé.
Haydée entfernt sich hierauf.
- Gib mir den Schafpelz -, sagt Wanda, ihre schönen Glieder schläfrig dehnend. Ich hebe ihn vom Fauteuil und halte ihn, während sie langsam träge in die Ärmel schlüpft. Dann wirft sie sich in die Polster der Ottomane.
- Ziehe mir die Schuhe aus und dann die Samtpantoffeln an. -
Ich knie nieder und ziehe an dem kleinen Schuh, welcher mir widersteht. - Rasch, rasch! - ruft Wanda, - du tust mir weh! warte nur - ich werde dich noch abrichten. - Sie schlägt mich mit der Peitsche, schon ist es gelungen!
- Und jetzt marsch! - noch ein Fußtritt - dann darf ich zur Ruhe gehen. -- Leopold von Sacher-Masoch

Mittwoch, 3. Dezember 2008

Wie immer ohne Gewähr


Im Zweifelsfall kein Held sein.
Schon gar keine Heldin.



Aber ich muss versprechen, mich mehr um die Untertage zu kümmern. Es ist ja so viel zu tun, auf der ganzen Welt in Deutschland. Wollen wir erst einmal im Grundgesetz festhalten: In Deutschland wird Deutsch gesprochen.
Und nun die Lottozahlen.
8
36
51
4
11
Zusatzzahl
20
Superzahl
...

Freitag, 14. November 2008

Harry's Paradise, summer of 1820

"Oft wenn ich in den Trauerweiden-Alleen meines paradiesischen Beuls zur Zeit der Dämmerung dämmerte, sah ich im Verklärungsglanze vor mir schweben den leuchtenden Genius des Ochsens, in Schlafrock und Pantoffel, mit der einen Hand Mackeldey's Institutionen emporhaltend, und mit der andern Hand hinzeigend nach den Thürmen Georgias Augustas." -- Heinrich Heine

Freitag, 17. Oktober 2008

Eine Tüte Hegel

"Ich wollte darlegen, was für mich als französischen Autor in Ihrer Literatur das Fruchtbarste, Förderlichste gewesen ist. Sie hätten von mir gehört, welche Rolle Goethe, Fichte, Schopenhauer in Frankreich und besonders für mich gespielt haben. Auch hätte ich die Gelegenheit ergriffen, von dem neuen intensiven Interesse, das deutsche Dinge jetzt bei uns finden, mit Ihnen zu reden. Ich darf, wenn ich den heutigen französischen Literaten gegen den der vorigen Generationen halte, das eine sagen: Er ist wißbegieriger geworden; sein Blickfeld ist im Begriff, sich über die kulturellen und sprachlichen Grenzen der Heimat hinaus zu weiten. Vergleichen Sie mit dieser Haltung das Wort von Barrès: 'Sprachen lernen! Wozu? Um dieselbe Dummheit auf drei oder vier verschiedene Arten zu sagen?' Bemerken Sie das Erstaunliche dieser Wendung? Barrès denkt nur ans Reden; das Lesen einer fremden Sprache, das Eingehen in eine fremde Literatur zählen für ihn nicht. War es bei Barrès ein vorwiegend nationales Genügen, so war es um die gleiche Zeit bei Mallarmé ein Genügen an der geistigen Innenwelt, das jeden Blick ins Draußen, Reiselust und Sprachenkunde zu etwas Seltenem machte. Führte nicht vielleicht die Philosophie des deutschen Idealismus ihre französischen Jünger zu dieser Haltung?"
Und Gide erzählt die reizende Anekdote, wie die Hegelsche Lehre durch Villiers de l'Isle-Adam in den Kreis um Mallarmé Eingang gefunden habe. Villiers nämlich kaufte als junger Mann eines Tages an einer Straßenecke eine Düte heißer Kartoffeln; die Düte aber war ein Bogen aus einer Übersetzung von Hegels Ästhetik. -- W. Benjamin

Donnerstag, 16. Oktober 2008

Cowderwales

It has been a long, long whale since the last post, and that past got lost in my whole memory gone. Many things happened though. Quite too many.
I just came up to see that Italian "volantino" is much the same as English "flyer".
And that seems to be all for today. Those who have years to ear, will hear. And the rest shall keep quiet.

Dienstag, 23. September 2008

Bedenken

Alles in allem: ganz ohne Schatten ist das Alles für mich nicht, wenn ich die Sinnlosigkeit bedenke, zu sitzen, zu schreiben, ein Tippfräulein inkommodieren zu müssen u. das herrliche Vaterland will das garnicht wissen. -- Gottfried Benn

Freitag, 19. September 2008

Total witzig

Berlusconi lacht gerne.
Berlusconi ist ein spontaner Mensch und spielt gerne Streiche.
Berlusconi erzählt gerne Witze.
So ist unser Präsident: Man liebt ihn, oder man hasst ihn. Doch eher als der Hass überwiegt bei all denjenigen, die ihn nicht zu schätzen wissen, eine profunde Scham.

Silentium war gestern

Aufgrund der drastisch sinkenden Besucherzahlen will die englische Society of Chief Librarians Essen, Trinken sowie Handygespräche in Bibliotheken erlauben. Das neue Bibliothekskonzept orientiere sich am Modell der Virgin-Musikgeschäfte, hieß es. Dort hielten sich die Menschen lange auf und fühlten sich wohl.

Gleichnisse

"ein Schriftsteller vergleiche einen bestimmten Novemberabend, von dem er erzählt, mit einem wollenen weichen Tuch; ein anderer Schriftsteller könnte ebensogut ein eigenartig weiches Wolltuch mit einem Novemberabend vergleichen. In allen solchen Fällen liegt der Reiz darin, daß ein schon etwas erschöpfter Gefühls- und Vorstellungsbereich dadurch aufgefrischt wird, daß ihm Teile eines neuen zugeführt werden. Das Tuch ist natürlich kein Novemberabend, diese Beruhigung hat man, aber es ist in der Wirkung mit ihm verwandt, und das ist eine angenehme kleine Mogelei. Nun, es liegt - eine gewisse Tragikomik in dieser menschlichen Neigung für Gleichnisse. Wenn die Spitzen der Brüste mit Taubenschnäbeln oder mit Korallen verglichen werden, kann man, streng genommen, nur sagen: Gott behüte uns davor, daß es wahr sei! Die Konsequenzen wären nicht auszudenken. Man gewinnt aus den menschlichen Gleichnissen eigentlich den Eindruck, daß der Mensch niemals dort recht aushalten kann, wo er sich gerade befindet. Er gibt das niemals zu; er umarmt das ernste Leben; aber er denkt dabei zuweilen an eine andere!
Es ist ein schönes, wenn auch ein wenig altmodisches Gleichnis, zu sagen: ihre Zähne waren wie Elfenbein. Setzen Sie statt dessen einen sachlich-nüchternen, aber richtig anderen Ausdruck, so heißt das - höchst unerwünscht -: sie besaß Elefantenzähne! Vorsichtiger, aber immerhin noch verfänglich: ihre Zähne besaßen die optischen Qualitäten von Elefantenzähnen, mit Ausnahme der Form. Ganz vorsichtig: ein ich weiß nicht was war gemeinsam. Ersichtlich ist das die übliche Tätigkeit des Gleichnisses: wir lösen das Erwünschte los und lassen das Unerwünschte zurück, ohne daß wir daran erinnert werden wollen, und wir lösen das Feste in das Gerüchtweise auf." -- Robert Musil

Sonntag, 14. September 2008

Ein "welthistorisches Untier" in Bonn

Bonn, Ende Dezember 1864
"Ich erwarte sehnlichst den ersten Brief, mit dem, wie ich hoffe, zugleich das Geld für das nächste Quartal ankommt. Das erste Quartal hat mir in summa 130 Tl. gekostet. Davon fällt nun freilich eine stattliche Portion für die nächsten Vierteljähre fort, da die Gelder für Immatrikulation, Kollegien usw. bedeutend sind. Aber Du siehst, liebe Mama, daß ich mich in Bonn noch mehr einschränken muß. Länger als ein Jahr kann ich es des Geldpunktes halber hier nicht aushalten. Ich bin entschlossen, nachher nach Halle zu gehen und dort zu dienen. Mach Dir nur ja keine Sorgen, ich muß durchkommen. Über Geldsachen schreibe ich nur an den Onkel Bernhard. Aber ich wollte Dir nach dem ersten Quartale doch Nachricht geben. Ich führe übrigens genaue Rechnungen. Der durchschnittliche Wechsel in Bonn ist 500-600. Das ist nun alles nicht sehr schön, nicht wahr?" -- Friedrich Nietzsche an Franziska und Elisabeth Nietzsche
*
Im Rückblick wird Nietzsche schreiben:
"Ich ging von Bonn weg wie ein Flüchtling. Als mich um Mitternacht Freund Mushacke an das Ufer des Rheins begleitete, wo wir auf das von Köln kommende Dampfschiff warteten, da war nichts von wehmütigen Empfindungen in mir, einen so schönen Ort und ein so blühendes Land verlassen zu müssen, abzuscheiden von einer Schar jugendlicher Genossen. Vielmehr waren es gerade die letzteren, die mich fortscheuchten. Ich will nachträglich den guten Leuten nicht noch ungerecht sein, wie ich es früher öfter war. Aber meine Natur fand unter ihnen kein Genüge; ich selbst war noch viel zu scheu in mich versteckt und hatte nicht die Kraft, unter dem dortigen Treiben eine Rolle zu spielen. Alles war mir aufgenötigt, und ich verstand nicht Herr zu sein über das, was mich umgab. In der ersten Zeit war mein Bemühen gewesen, mich in die Formen zu finden und das zu werden, was man einen flotten Studenten nennt. Da mir dies aber immer mehr mißlang, da der Hauch von Poesie, der auf allem diesen Treiben zu ruhen scheint, für mich verflogen war und die rohe philiströse Gesinnung mitten aus jenem Übermaß von Trinken, Lärmen und Schuldenmachen hervorsprang, da begann es leise in mir zu rumoren; immer lieber entzog ich mich jenen hohlen Vergnügungen, um stille Naturgenüsse oder gemeinsame Kunststudien aufzusuchen, immer fremder fühlte ich mich in diesen Kreisen, denen zu entgehen doch nicht möglich war. Dazu meldeten sich andauernde rheumatische Schmerzen, nicht minder drückte das Gefühl, nichts für die Wissenschaft und wenig fürs Leben, doch reichliche Schulden gewonnen zu haben. Das alles gab mir die Empfindung eines Flüchtlings, als ich in der feuchten regnerischen Nacht an Bord des Dampfschiffes stand und die wenigen Lichter langsam verschwinden sah, die Bonn am Ufer bezeichneten."

Die sieben Berge

Von oben nach unten: Himmel, Rhein.

Von links nach rechts: Vollmond, Siebengebirge, Autobahnbrücke, Langer Eugen, Post Tower.

Das Siebengebirge soll, von Bonn aus betrachtet, einer liegenden Frau ähneln. Um diese zu erkennen, benötigte man einen ersten Anhaltspunkt, zum Beispiel den Kopf, von dem aus sich dann der restliche Körper bestimmen ließe. Ich erkenne aber, so sehr ich mich jedes Mal bemühe, beim besten Willen nur eine Frau, die sehr aus der Form geraten ist.

Samstag, 13. September 2008

Allegro con Bier

Als "allegro" bezeichnet die italienische Tageszeitung La Repubblica den "Stil" des deutschen Außenministers und Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier - jedenfalls "più allegro" als derjenige der Bundeskanzlerin ("Stil"?).

Donnerstag, 11. September 2008

Was ich kann

Aktenstöße nachts verschlingen,
Schwatzen nach der Welt Gebrauch
Und das große Tretrad schwingen
Wie ein Ochs, das kann ich auch.
Aber glauben, daß der Plunder
Eben nicht der Plunder wär',
Sondern ein hochwichtig Wunder,
Das gelang mir nimmermehr. -- Joseph von Eichendorff

Dienstag, 9. September 2008

HSV Hamburg

"Der schlafende Riese kann in dieser Saison erwachen", Günther Netzer über den Hamburger SV dixit. Ewig ruhen können dagegen die Fans auf dem heute eingeweihten HSV-Friedhof in Altona. Architektonisch dezent anzitierte Tribunenränge bringen Grabfeld und Spielfeld noch näher - das Tolle am HSV-Friedhof ist nämlich seine unmittelbare Nähe zur HSH Nordbank Arena. Die Lage ist also besser als in Buenos Aires, wo die Boca Juniors Fans, ebenfalls bis ins Jenseits treu, an einer eigenen Ruhestätte verbuddelt werden können.
Amen.

Montag, 8. September 2008

La fabbrica dei tedeschi

Coming up:
Die Fabrik der Deutschen.
Der Dokumentarfilm war heute in Venedig an der Reihe. Umstritten. Vielleicht einfach schlecht.
Der reale Plot: Am 6. Dezember 2007 sterben bei einem Brand in einem Thyssen-Krupp-Werk in Turin sieben Fabrikarbeiter.

Sonntag, 7. September 2008

Ein reiner Hebel

Photo & Layout by supernorbert

Verehrte Flüchtlinge, Migranten, Asylanten, Staatslose und sans papiers, liebe Einbürgerungswillige:
Wozu die Antwort auf 310 Fragen auswendig lernen und dann mit Ach und Krach 17 Richtige ankreuzen? Nur wer Bierflaschen mit dem Feuerzeug öffnen kann, ist in Deutschland wirklich angekommen. Die deutsche Staatsbürgerschaft liegt hiermit in Euren Händen!
Laßt Euch allerdings nicht täuschen: Dieser Einbürgerungstest gilt dem gemeinen Deutschen als vereinfacht, ist aber verdammt hart.

Einbürgerungstest

Coming up:
Exklusives Bildmaterial dokumentiert, wie mir gestern das Bierflaschenöffnen mit Feuerzeug gleich zwei Mal gelungen ist.
Ein reiner Hebel!

Die Holzleiter

Ein Hotel, das ich verlasse. Eine Tagung oder ein Familientreffen ist zu Ende gegangen.
Dann fahre ich mit dem Bus weiter, ich bin vorzeitig an der Stelle, von der der Bus abfährt. Der Bus fährt los, ich sitze ganz vorne und schaue hinaus. Alles passt. Plötzlich merke ich, dass ich mein Gepäck vergessen habe, ich habe mein Gepäck nicht dabei, ich habe ihn nicht in den Bus geladen. Ziemliche Panik. Wie konnte das geschehen. Was kann ich machen. Ich kann es vielleicht nachschicken lassen. Ich kann versuchen, den Fahrer dazu zu bringen – wir sind gerade losgefahren –, kurz anzuhalten, und ich würde dann schnell mein Gepäck holen. Im Gespräch mit dem Fahrer wird klar, dass dies nicht möglich ist. Ich lege dabei mein polizeiliches Führungszeugnis vor, der Fahrer macht micht auf die vielen Einträge aufmerksam. Es kann nicht sein, es ist nicht mein polizeiliches Führungszeugnis, ich habe nämlich keinen einzigen Eintrag. Der Fahrer sagt: die Brasilianerinnen. Möglicherweise verwechselt er mich, jedenfalls handelt es sich um ein Missverständnis.

Ich sehe, dass zwei Reihen hinter mir Prof. Stolzenberg sitzt. Er unterhält sich in einem freundlichen und ruhigen Ton mit anderen Reisenden. Die Landschaft, die an den Fenstern vorbeizieht, mutet osteuropäisch an – es könnte Russland sein, wenn die Flächen größer und weiter wären.
Stolzenberg kennt die Gegend und mag sie, hat schon öfters hier Urlaub gemacht. Er erklärt, dass der Rhein – aber es ist ein anderer Rhein, der Rheinsee? – sich hier regelmäßig zurückzieht. Ich sehe Menschen (viele von ihnen tragen Sandalen mit Socken) auf einen Boden gehen, der wie dunkler Watt aussieht. Die Sohlen müssen an dem nassen, klebrigen Boden haften bleiben, doch die Menschen bewegen sich nicht schwerfällig, sie scheinen ganz normal zu gehen. Ich höre Stolzenbergs Erläuterungen zu, ich weiß nicht, ob er mich erkannt hat, ich will mich aber nicht zu erkennen geben. Er sei schon in dem Rheinsee geschwommen, man könne bis zu einem bestimmten Zielpunkt (einer Kneipe?) schwimmen. Es sei sehr schön, das Wasser. Das Wasser, das jetzt gerade nicht da ist und den Erdboden freigibt.

Allerdings taucht auf einmal eine kleine Stadt auf, und ich gehe durch die Straßen, zusammen mit anderen aus der Reisegruppe. Es gibt darunter ein junges Paar, ein Mann und eine Frau, das eine Wohnung in dieser Stadt sucht. Sie versuchen, durch die Fenster der Häuser zu sehen, ob irgendwo eine Wohnung leer steht. Sie finden in der Tat eine leere Wohnung, dort steht nämlich nur eine Holzleiter: Sie muss den Malern gehören, die zum Tünchen der Wände bestellt worden sind.
Dann spüre ich, wie ich eine Hand in meiner Hand halte, und schließe daraus, dass ich mit meinem Mann unterwegs bin und dass wir vielleicht die Wohnungssuchenden sind.

Samstag, 6. September 2008

Vodka: voll laufen



Athletissima 2008:
Der Russe Ivan Ukhov ist total betrunken (Liebeskummer), will aber trotzdem unbedingt dabei sein.
Es dauert ein Weilchen, bis er endlich springt. Aber seine Körpersprache spricht von Anfang an Bände.

Donnerstag, 4. September 2008

Der Rhein


An dem gegenüberliegenden Ufer nahm ich in Bonn meinen Anfang, und an diesem habe ich mein Ende gefunden. Seitdem komme ich immer wieder zum Rhein: Er zeigt sinnvolle Bewegung inmitten der Lähmung einer unbedeutenden Stadt.
Matt und glänzend changiert die hellgraue Fläche, gekräuselt vom Wind. Starker Wind weht heute von Südwest. Ich denke an Südwest aus der Sicht der Römer, als den Norden. In der Eifel haben die Römer lange Zeit aus den Quellen geschöpft.
Ich rechne all die Stunden hoch, die ich an diesem Fluss verbracht habe. Wie oft ich ihn über welche Brücke überquert. Ich sehe die Loreley, den Rheinfall in den Bodensee. Dort, wo der Rhein in die See mündet, bin ich nie gewesen. Rotterdam?
Der richtige Fluss wird befahren. Vaaren, sagt der Holländer nur für die Schiffe, alles andere ist bloß rijden.
Der richtige Fluss fließt entweder von Süden nach Norden oder von Westen nach Osten. Andere Richtungen scheinen mir unnatürlich.

Der scheinet aber fast
Rückwärts zu gehen und
Ich mein, er müsse kommen
Von Osten.
Vieles wäre
Zu sagen davon.

Was aber jener tuet, der Strom,
weiß niemand. -- Friedrich Hölderlin

Buckel


Der Geist macht nicht buckelig, das fehlte gerade noch; aber der Buckel macht geistreich, es ist ein allgemeiner Erfahrungssatz. Äsop, Moses Mendelssohn, Schleiermacher, Lichtenberg, Richard III., unzählige bedeutende Männer waren buckelig; auch der berühmte Diplomat Talleyrand soll es gewesen sein, jedenfalls war er lahm. -- Rudolf Kleinpaul

Unübertroffen der beste Buckel bleibt der oben Abgebildete.
(Ja, auch wenn der Buckel gar nicht zu sehen ist).

Sonntag, 31. August 2008

Verità

Non basta intendere una proposizione vera, bisogna sentirne la verità. -- Giacomo Leopardi

Die schwäbische Art

Was ich heute in der Villa Hammerschmidt erfahren habe:
Der schwäbische Bundespräsident Theodor Heuss gab auf die Pläne eines Anbaus, der bei Regen den trockenen Gang zu den neben der Villa sich befindenden Arbeitsräumen ermöglichen sollte, die Antwort:
Zu teuer!
Und kaufte sich einen Regenschirm für 15 Mark.

Stockholm-Syndrom

Coming up:
Deine ganz persönliche Geiselnahme.

Freitag, 29. August 2008

Immobilienangebot 1

Wir sind zwei engagierte, visionäre und international wg-/gemeinschaftserprobte Menschen auf der Suche nach Gleichgesinnten, um ein Wohnprojekt ab Herbst 2008 zu starten bzw. um uns einem bestehenden anzuschließen.
Bei einer Neugründung sollte die erste Phase aus der gemeinsamen Visionsfindung (über Form, Größe, Orientierung, etc.) mit Interessierten bestehen. Entsprechend ist bisher nix vorgegeben!!! Wir sind für vieles offen, stellen uns aber ungefähr folgenden Rahmen vor:
nachhaltige und ökologische Orientierung;
Etablierung von gemeinsamen Aktivitäten innerhalb und/oder außerhalb des Projektes;
mindestens 4 Personen;
Interesse/Bereitschaft zur konstruktiven Konfliktbearbeitung;
keine Dogmen;
[...]
Unser Motto: „Living in community doesn't make our life easier…but more interesting and richer!“

Immobilienangebot 2

Kaltmiete 100€
Straße: besser ohne
Rauchen erlaubt

das Zimmer ist fast 10 Minuten von HBF (mit dem bus) ruhige quartal , das Zimmer ist gross und hell mit großes Fenster und garten . aber sie mussen hilfen mit dem kind (essen vorbereiten und in der Schule bringen ) die miete ist Flexible und kann weniger sein :)

La mano bucata

Zeit: Nachts
Ort: Gelände eines kleinen Flughafens
Ereignis: Verleihung von Abschlusszeugnissen

Eine Gruppe von Menschen, darunter ich, wartet. Es sollen endlich Abschlusszeugnisse verliehen werden; etwas wird abgeschlossen. Schließt man es mit Erfolg ab, so ist man frei. Der Gedanke an die Freiheit macht die Erwartung groß und das Warten schwer.
Plötzlich stellt sich heraus, dass ein junger Mann, der zur Gruppe gehört, angeschossen worden ist. Das Fatale daran: Der Schuss hat ein Loch durch seine Hand gebohrt, und in dieser Hand trug er den Zettel, den Schein der Erlösung: die Abschlusszeugnisse aller anderen Anwesenden.

Von den Angreifern keine Spur. Man kümmert sich irgendwie um den Verletzten. Dieser geht an mir vorbei, ich kann ganz deutlich die runde Wunde an seiner Hand sehen. Er sieht aus, als käme er aus dem Nahen Osten, ein Palästinenser, ein Araber. Seine Wunde ist mir gleichgültig, ich werfe einen nüchternen Blick darauf - ich will nur meinen Zettel. Der Zettel existiert jetzt nicht mehr. Ich hatte es schon in seiner Hand, und nun ist es weggeballert worden. Ich sehe meine Freiheit wegen eines terroristischen Anschlags (und wegen eines solchen!) flöten gehen.
Ich bin sehr böse auf den Angeschossenen, auch wenn er ein Opfer ist. Ich stehe doch als das noch viel größere Opfer da. Der Mann hat immerhin etwas erlebt, zweifellos körperlichen Schmerz, und ihm bleibt ein ewiges Zeichen, das man vorzeigen kann. Ich aber...

Äußerst frustrierender Traum, aus dem man sich nicht ungerne wecken lässt. Enttäschung der Hoffnung, schweigende Wut und Verzweiflung, totaler Egoismus.
Der weltpolitische Zusammenhang, der mir die Freiheit nimmt, entstammt vermutlich dem Ausschnitt aus einem Pasolini-Filmfragment, den ich gestern nachmittag gesehen habe und der die Globalisierung als Auflösung der Ersten Welt prophezeit.

Donnerstag, 28. August 2008


Hier mal ein lustiger Charles-Manson-Falter.

U.S.

Ultima sigaretta.
Buonanotte.

Erster Eintrag

Liebes Tagebuch, ich bin aufgeregt ob des Blogges wegen.
Ich habe zum Anlass Deiner Entstehung den Tisch sauber gemacht.
Ich werde die Groß- und Kleinschreibung stets beachten.
Herzlich willkommen.